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Stopover SchanghaiLand der unbegrenzten Möglichkeiten

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12. Oktober 2010 - 16. Oktober 2010
Reisetag Nr. 1605 - 1609

In vier Stichworten

Patrizia konnte die Damen und Herren der Gepäckaufbewahrung am Flughafen davon überzeugen, dass ein überlanges Tandem mit Anhänger bloss ein einziges Standard-Gepäckstück ist, selbst, wenn es noch so sperrig und in zwei separaten Plastikfolienpaketen eingepackt ist, und nicht mal Brö ihrer Argumentation folgen konnte. Aber mal ehrlich, die Gebühren waren auch wirklich astronomisch und wir wieder im sparsamen Rucksackreisemodus; viel Zeit zum Diskutieren aber wenig Pinkepinke.

Die MagLev allerdings, die leisteten wir uns trotzdem. Die einzige kommerzielle Hochgeschwindigkeits-Magnetschwebebahn brachte uns in Windeseile ins Stadtzentrum. Von dort aus nur noch eine kurze Metrofahrt und nach ein paar Schritten waren wir bereits in der Jugi. Der Tag hatte für uns offiziell um halb sechs Uhr begonnen. Wenn wir denn was geschlafen hätten. Die Vorbereitungen in Singapur zogen sich bis zum Morgengrauen dahin, deshalb nahtloser Übergang in den heutigen Tag. Ergo: kurz ein paar Dumplings reinziehen und dann ab in die Pfanne.

EXPO

Wetter durchzogen herbstlich kühl – ideale Bedingungen, um sich die EXPO anzuschauen. Dachten sich neben uns noch eine halbe Million (kein Witz) anderer Besucher. Die riesigen Gatter und Menschenschleusen vor den Eingängen waren zu der Zeit, als wir auf dem EXPO-Gelände eintrafen, bereits geleert und die Menschenmassen hineinverfrachtet. Die langen Schlangen vor den einzelnen Pavillons liessen dann aber das Ausmass des Volksauflaufs erahnen. Die zu neunundneunzig Prozent einheimischen Besucher waren gut gelaunt und – laut. Es herrschen rauere Sitten in China denn anderswo. Es wurde geschubst, gespuckt, geschlurft, geschlürft, gerülpst, geschrien. Und was sich für uns manchmal nach einem grossen Streit anhörte, entpuppte sich bei genauem Hinsehen als neckisches Plaudern. Dies auf jedem Fall liessen die warm lachenden Gesichter vermuten. Inmitten dieses Pulks erkämpften wir uns also Meter für Meter, um uns den ersten Pavillon anzusehen. Allerdings mussten wir feststellen, so faszinierend die Bauten von aussen betrachtet auch waren, im Innern wurde meistens nicht viel geboten. Man fragte sich oftmals, wie sich die Länder bisweilen präsentierten. Wenn das, was einem hier aufgetischt wurde den Charakter einer Nation repräsentieren soll, na dann gut Nacht.

Im Schweizer Pavillon konnten wir mit unserem roten Pass die Kolonne überspringen und sahen uns das Alpenpanorama an. Die Sesselbahn fuhr leider nicht, wegen der angeblich so schlechten Witterungsbedingungen (es regnete etwa zehn Tröpfchen pro Quadratkilometer pro Stunde). Na wenn das mal keine Werbung für die Schweizer Ingenieurkunst ist. Man kann sich eben nicht nur mit der Millionen Jahre alten Alpenfaltung auf Grossleinwand brüsten ...

Es gab ein paar löbliche Ausnahmen und lustige Ideen an der EXPO, aber das Gesamtkonzept, die Idee hinter der Weltausstellung, die offenbarte sich uns bis zum Schluss nicht. Und wären all die Chinesen gegen Abend nicht bloss noch vor zwei, drei speziellen „Highlights“ angestanden (stundenweise!), um die Stempel in ihre schönen Büchlein zu erhaschen, und hätten uns somit die Anstehzeit vor kleineren Pavillons wie Iran, Afghanistan, Turkmenistan etc. auf null verkürzt, unser Besuch auf dem Messegelände wäre ein kompletter Reinfall gewesen.

Wir erwischten die letzte Metro (um elf Uhr nachts, in einer Millionenmetropole!) und plauderten zurück im Hostel noch bis zum Morgengrauen mit unseren kolumbianischen Zimmer-Gspändli.

In den folgenden Tagen trafen wir uns mit einem Freund aus den USA, den wir seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatten, und seiner seit drei-Tagen Ehefrau. Wir haben es just nicht auf ihr Hochzeitsfest geschafft, aber wir waren fasziniert von ihren Erzählungen über die Party und allem, was es so mit sich bringt, wenn man sich in eine angesehene chinesische Familie einheiratet.

Einen Abend verbrachten wir mit einem netten deutschen Paar, welches ebenfalls seit ein paar Jahren hier lebt, und das wir vor einem Jahr in Zentralchina getroffen hatten. Von ihnen und ihren illustren Freunden erhielten wir einen Kurzabrieb, was im faszinierend facettenreichen Reich der Mitte mit seinem Spektrum vom armen landlosen Reisbauern bis zum stinkreichen korrupten KP-Sekretär so vor sich geht. China im Allgemeinen und Schanghai im Speziellen scheint das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein. Nicht für jeden, aber für Leute mit guten Ideen, einer dicken Haut, guten Kontakten, Kenntnis der Kultur und einer guten Portion Skepsis. Chinesen hauen einem übers Ohr und stechen dir den Dolch in den Rücken, wenn du auch bloss einmal nicht aufpasst. Im Geschäft geht man über Leichen und Freunde hat man nur, wenn man erfolgreich ist. Chinesische Mädels suchen sich dann auch ihre Ehemänner nicht über Dating-Webseiten, sondern studieren den Börsenkurs und die Forbes Liste der Millionäre. Reich ist sexy. Sozialistische Marktwirschaft halt.

Stadtbummel

Dann war natürlich noch Stadtbesichtigung angesagt. Mit dem psychedelischen „Transit-Tunnel“-Zug unter dem Huangpu Fluss nach Pudong. In diesem modernen Geschäftsviertel stehen riesige Wolkenkratzer, Luxushotels und Geschäftshäuser, und man kann es genüsslich zu Fuss erkunden – ganz im Sinne von „Better City – Better Life“ (dem Slogan der EXPO, Anm. der Red.). Überhaupt war es in Schanghai erstaunlich angenehm, als Fussgänger unterwegs zu sein. Breite Trottoirs, baumgesäumte Quartierstrassen, nicht allzu viel Verkehr. Ja, wären da nicht Garküchen statt Bistrots gewesen, man hätte sich in einer französischen Kleinstadt gewähnt – auch ausserhalb der French Concession. Von glänzenden Wolkenkratzern über Vorstadtvillen im viktorianischen Stil, bis zum schäbigen kleinen Wohnhaus mit über die Gassen gespannten Wäscheleinen; vom exklusiven Gourmettempel über das Sichuanrestaurant, dem Café du Paris, bis zum fahrbaren Nudelstand; von Designerläden, billigen Souvenirshops über den gedrängten Vogel und Insektenmarkt (SARS und H5N1 lassen grüssen) bis zum Billigramschladen „Made in China“ – im wahrsten Sinne des Wortes; vom Hummer mit getönten Scheiben über überladene Lastwagen aus der Provinz, dem Elektroroller bis zum rostigen Velo mit originaler Ding-Dong-Glocke; von hochhackigen Pumps, über farbig leuchtende Polyester-Textilien bis zur abgetragenen Mao-Uniform; vom taiwanesischen Businessman über den europäischen Künstler bis zum chinesischen Bauern. Alle und alles hat Platz im Schmelztiegel Schanghai – im Gelobten Land China.

Ein kurzer Abstecher, der sich gelohnt hat.



17.11.11 Geraldton, Australien

Westaustralien – das ist Natur pur. Und zwar in scheinbar endlosen Dimensionen sogar! Nicht nur ...
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